Der Montag danach.

Unsere Eltern bringen uns bei, wie man im Bus in dem Moment das Knöpfchen drückt, in dem man weiß, dass man aussteigen möchte. Wir sehen sie mit großen Augen an und denken, sie hätten uns die Welt in 30 Sekunden erklärt.

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Doch wir wachsen auf und haben andere Mentoren. Für die einen ist es vielleicht Kunst, die ihnen zeigt, wie schnell ihr Herz schlägt. Vergänglich, wie ein Pinselstrich von vielen, aber standhaft wie eine Skulptur, die Jahrhunderte überlebt.

Bei uns ist es die Musik, die uns hilft. In herzzerreißenden Momenten flickt der Beat die Wunden eines Erlebnisses, im nächsten lässt die Stimme mit den wohlklingenden Worten die Narben verheilen. Jahre später, während wir in Bars sitzen, nachts mal arbeiten, im Auto in die nächste Stadt fahren oder während wir mit wildfremden Menschen zusammen in einer für uns wildfremden Stadt zu bekannten Platten tanzen wollen, werden wir an vergangenes erinnert. Momente verstreichen.

Kein Lied, das es jemals geben wird, wird mir die Freude auf solche Momente und Erinnerungen wiedergeben können, die ich am Samstag, am Tag der Loveparade in Duisburg gelassen habe.

Schreie und aufgerissene Augen beissen sich durch mein Herz und lassen meine Stimme ihren Halt verlieren, wenn man mich an diesem Montag Morgen fragt, wie es mir geht und ob ich dort war.

Aufstehen, sich motivieren zur Arbeit zu gehen, fällt schwer, gerade wenn man seine Arbeit liebt. Bis zum Bahnhof zu laufen um in die Bahn einzusteigen wird zu einer traurigen Angelegenheit, da ich nicht dazu in der Lage bin auch nur einen Moment die Kopfhörer meines iPods in meine Ohren zu schieben. Die Fahrt zum nächsten Bahnhof, um dort in den Bus einzusteigen, erinnert an die Nacht, in der wir versuchten, heim zu kommen.

Ich habe heimweh. Will mich an meine Familie drücken und irgendwas tun.

Doch ich habe in Duisburg auch etwas gewonnen: Das Leben meiner Lieben noch mehr zu schätzen und in schweren Zeiten Courage zu zeigen, anders als die Verantwortlichen gestern bei der so genannten Pressekonferenz. Andere zu respektieren und genau hinzuhören, wenn sie ihre Meinung sagen, anders als die für mich ganz schwer gestörte Eva Hermann, die anscheinend bei ihrer Geburt jegliche Gefühlsstränge rausoperiert bekommen hat.

Wenn wir alle jeden Tag wüssten, was uns erwarten würde, wären wir keine Menschen, sondern perfekte Wesen, die ihre Zukunft voraussagen könnten. Aber wenn sie diese Gabe hat, bitte! Dann soll sie sich Nostra-Hermann nennen und ihre eigenen Centurien verfassen.

Egal.

Unbekümmert durchs Leben zu gehen ist kein Wunsch mehr, sondern ein Luxus, den ich mir beizeiten irgendwann wieder erlauben möchte, wenn die Wunden heilen und nur noch bestimmte Momente daran erinnern, wie wir dem Tod entronnen sind. Bis dahin versuche ich erneut, wieder im Alltag anzukommen. und für die Verbliebenen zu beten.

Abschlussworte finde ich nicht. Es ist ja auch kein Schluss, sondern eine weitere Abzweigung im Leben, die man eben ungeplant nehmen muss.

Sam Subotic


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